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Klimasensitive Platzgestaltung: Ein Konzept für Kassel

Im Jahr 2020 lobte die documenta-Stadt Kassel einen Wettbewerb zur Neugestaltung des Brüder-Grimm-Platzes aus. Unser Wettbewerbsbeitrag "Grimm-Wald" stellte den stadtklimatischen Aspekt eines Stadtwaldes mit all seinen Vorteilen in Bezug auf Gesundheit und Stadtökologie in den Vordergrund, um den Wärmeinseleffekt mithilfe der Bepflanzung mit Bäumen abzumildern. Dieses Konzept kann als Beispiel für den zeitgenössischen Umgang mit öffentlichem Freiraum in Hinblick auf klimaangepasste Stadtgestaltung dienen.

Der Brüder-Grimm Platz in der documenta-Stadt Kassel ist als Stadtplatz heute nahezu nicht wahrnehmbar, die Verkehrsfunktionen überwiegen. Gesäumt ist er von Baudenkmalen wie dem Hessischen Landesmuseum, der Murhardschen Bibliothek, der Torwache (dem historischen Wohnhaus der Brüder Grimm) und künftig dem Neubau für das Deutsche Museum für Tapeten und Raumkunst.

Vor diesem Hintergrund lobte die Stadt Kassel 2020 einen nichtoffenen zweiphasigen Realisierungswettbewerb zur Neugestaltung des Brüder-Grimm-Platzes aus. Ziel war es, einen grünen, städtischen Platz mit hoher Aufenthaltsqualität zu schaffen. Gleichzeitig sollten die vielfältigen verkehrlichen Anforderungen in Einklang gebracht und der Platz mit den angrenzenden Straßenräumen und öffentlichen Freianlagen verknüpft sowie in das übergeordnete städtische Verkehrswegenetz eingebunden werden.

Unser Wettbewerbsbeitrag "Grimm-Wald" stellte den stadtklimatischen Aspekt eines Stadtwaldes mit all seinen Vorteilen in Bezug auf Gesundheit und Stadtökologie in den Vordergrund, um den Wärmeinseleffekt mithilfe der Bepflanzung mit Bäumen abzumildern. Dieser Ansatz ist verknüpft mit der Geschichte des Ortes und des kulturellen Hintergrunds unweit des Wohnhauses der Brüder Grimm und der Einbindung zwischen der Wilhelmshöher Allee, die einen Teil der Pufferzone des UNESCO-Weltkulturerbes Bergpark Wilhelmshöhe bildet und der Königsstraße als zentraler Einkaufsstraße.

Inspiriert von der Vergangenheit der Platzgestaltung führt der Entwurf eine frühe formale Blaupause, den „Kreis“, wieder ein. Während das formale Gestaltungselement „Kreis“ für die verschiedenen Kulturdenkmäler des Platzes (Hessisches Landesmuseum, Murhard'sche Bibliothek, Torwache, Neues Tapetenmuseum) ein Gefühl der Einheit vermittelt, integrieren neu gepflanzte, klimaresistente Baumarten, die auch in den hessischen Wäldernder wachsen, das Element „Wald“. Die Baumpflanzung schafft einen zeitgenössischen Bezug zur Aktion "7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" von Joseph Beuys, die im Rahmen der documenta 1982 startete.

Konzept "Grimm-Wald"
Derzeit ist der Brüder-Grimm Platz in Kassel ein typischer urbaner Hot Spot. Ursache dafür sind wenig vorhandene Luftschneisen und geringe Durchlüftung, Materialien, die viel Wärmestrahlung aufnehmen sowie der geringe Bestand von kühlenden Bäumen auf dem Platz. Der bestehende Belag weist eine sehr hohe Abstrahlung auf, was die Temperaturentwicklung und Aufenthaltsqualität negativ beeinflusst.

Der "Grimm-Wald" soll ein Beispiel für eine klimasensitive Gestaltung im Kontext zunehmender Wärmeinseln in der Stadt werden. Als "kühle Oase" in der Stadt soll er den Bewohnern und Besuchern ermöglichen, in einem einladenden und sicheren Umfeld zu verweilen und zu spielen. Ein Baumlehrpfad vermittelt anschaulich vor Ort Wissen über das Klima, Gesundheit, das Wohlbefinden und Wälder. Mithilfe einer Software-Simulation haben wir die Wärmeabstrahlung des Ist-Zustands (ohne Baumpflanzung) und mit der geplanten Neugestaltung (mit Baumpflanzung) ermittelt (siehe Heatmaps rechts). Dabei ist deutlich erkennbar, wie stark die vorgesehene Baumpflanzung und heller Kiesbelag mit höherer Albedo, also größerem Rückstrahlvermögen, das Mikroklima auf dem Platz positiv beeinflussen. Die Wärmespeicherung ist deutlich geringer, die Aufenthaltsqualität dadurch deutlich höher.

Der Entwurf soll neben der mythischen Bedeutung des Waldes dessen wichtige Rolle in der Strukturierung der zukünftigen urbanen Umwelt unterstreichen. Die Wälder der Region Hessen waren eine häufig verwendete Kulisse in den Grimm-Märchen. Wälder waren darin Orte der Angst und des Geheimnisses, aber auch Orte des Staunens, Lernens und heute Abkühlung an heißen Sommertagen. In Zeiten des Klimawandels erwartet Kassel einen starken Anstieg städtischer Wärmeinseln in allen Stadtteilen, wie in der Stadtklimakarte 2030 dokumentiert.

Der "Grimm-Wald" ist ein urbaner Wald, der nur aus Baum- und Krautschicht auf Kies gemulchtem Boden besteht. Die fehlende Strauchschicht vermeidet Angsträume und ermöglicht Blickbeziehungen, der kiesige Untergrund lässt ein fein verzweigtes Wegenetz entstehen. Gleichzeitig ist der Kiesbelag in der Lage Oberflächenwasser aufzunhemen und vor Ort zu versickern. So kommt das Niederschlagswasser direkt den Baumwurzeln zugute.

Baum-Alphabet
Der neue Brüder-Grimm-Platz wird ein verspielter "ABC-Wald" – ein Ort, an dem man die Interaktion einer von Bäumen geprägten Umgebung lernen und erleben kann. Die Baumauswahl basiert auf der in Hessen vorherrschenden Lebensgemeinschaft von Baumarten. Ein weitres Auswahlkriterium ist deren höhere Widerstandsfähigkeit im Kontext des heißer werdenden städtischen Umfelds. Organisiert werden die Arten von A bis Z nach ihrem wissenschaftlichen Namen. Der Baum-Alphabet-Ring präsentiert der Bevölkerung von Kassel, insbesondere Kindern, die Geschichten zu jedem Exemplar als Individuum und als Gemeinschaft.

Mehr zu Hintergrund und Ergebnissen des Wettbewerbs

  • wettbewerb_bruder_grimm_platz_kassel_plan_2000_keller_damm_kollegen.jpg Stadträumlicher Bezug der Platzgestaltung zum Fürstengarten als Grünstruktur. Grafik: Keller Damm Kollegen
  • wettbewerb_bruder_grimm_platz_kassel_heatmap_keller_damm_kollegen.jpg Im Vergleich ist die Wärmespeicherung mit der geplanten Baumpflanzung und hellem Kiesbelag (oben) deutlich geringer als im Ist-Zustand (unten). Grafik: Keller Damm Kollegen
  • wettbewerb_bruder_grimm_platz_kassel_baumalphabet_keller_damm_kollegen.jpg Das "Baum-Alphabet" bildet den Rahmen für einen Lehrpfad mit Baumarten, die in hessischen Wäldern wachsen. Grafik: Keller Damm Kollegen
  • wettbewerb_bruder_grimm_platz_kassel_schnitt_keller_damm_kollegen.jpg Schnitt durch die Paltzfläche mit Baumpflanzung und angedeutetem Baumlehrpfad (rot). Grafik: Keller Damm Kollegen

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